Reinheit und Verfolgung: Männerbünde, Homosexualität und Politik in Deutschland (1900-1945)

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Abstract

Die massive Unterdrückung homosexueller Frauen und Männer im Dritten Reich
haben verschiedene Wissenschafter/innen bislang unter Verweis auf die nationalsozialistische Ideologie zu erklären versucht: Sexualität habe ausschließlich den bevölkerungspolitischen Zielen der Vermehrung und Reinhaltung der „arischen Rasse" gedient.1 Diese Hypothese geht allerdings, wie zu zeigen sein wird, von problematischen Annahmen aus, ihre Erklärungskraft ist beschränkt. Die NS-Herrschaft stützte sich auf keinen zentralisierten, einheitlichen Apparat, auch wenn dies die offizielle Rhetorik und Propaganda suggerierte. Ebensowenig war ihre Ideologie kohärent. Gerade die Einstellung der Nationalsozialisten zu Männerbünden und Homosexualität demonstriert, daß es Konflikte innerhalb der Organisationshierarchien, Widersprüche zwischen unterschiedlichen Doktrinen und zwischen der offiziellen Ideologie und der Praxis gab. Die NS-Ideologie und ihr eugenisches Programm zielten nicht auf die totale Vernichtung aller Homosexuellen ab. Für das Verständnis ihrer Unterdrückung ist vielmehr die ,homosoziale' Organisationsform des Nationalsozialismus, d. h. die zentrale Rolle der Geschlechtersegregation und der Männerbünde in nationalsozialistischen Organisationen von hungen trennte. Männerbünde wurden von der homosexuellen Emanzipationsbewegung, der sozialdemokratischen und kommunistischen Linken und den nationalsozialistischen Organisationen auf verschiedene Weise politisiert. Die hier vorgeschlagene Erklärung zielt auf die Geschichte der Doppelbindung von männlicher Identität und Homoerotik als ideologisches und politisches Phänomen.
Bedeutung. Vor dem Zweiten Weltkrieg war in Deutschland jene Grenzlinie sehr
brüchig, die Homoerotik oder gar Homosexualität von den ,reinen' Männerbezie-
Original languageGerman
Pages (from-to)389-414
JournalÖsterreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
Volume5
Publication statusPublished - 1 Jan 1994

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